Louis-Benjamin Audemars
 
- Sein Leben und Werk -
Aufstieg und Niedergang einer  Uhrmacherdynastie  

Buchbesprechung der Deutschen Gesellschaft für Chronometrie:
Hartmut Zantke "Louis-Benjamin Audemars, Sein Leben und Werk"
     

 

Hartmut Zantke ist, wie so mancher begeisterter Sammler, aus dem Wunsch heraus über Louis-Benjamin Audemars und seine Uhren mehr wissen zu wollen, Autor geworden. Der Beginn sich mit diesem begnadeten Uhrmacher (1782-1833) näher zu beschäftigen war, wie so oft, eine Uhr mit eben jener Signatur „Louis Audemars, Le Brassus“ die er bei einer Auktionsvorbesichtigung in Händen hielt, nicht recht wissend, warum der niedrig angesetzte Limitpreis dem herrlichen Werk mit wunderbar schwarz polierten Stahlteilen, anglierten Kanten, dunkelblauen Schrauben und einer perfekten Werksvergoldung, fein geschenkelten Rädern und polierten Trieben so gar nicht entsprach. Trüge die Cuvette oder das makellos weiße Emailzifferblatt die Signatur „A. Lange & Söhne, Glashütte“  oder „Patek Philippe, Genf“, wäre für die Taschenuhr mit Zweizonenzeit, Minuten-Repetition und Chronograph ein weit höherer Preis im Katalog gestanden. Auch in der Auktion ging die Uhr nicht merklich über das zurückhaltend geschätzte Limit und so erwarb sie der Sammler und jetzige Autor. Aber was hatte er denn erworben: Zwar eine schöne, technisch sehr aufwendige Uhr aber fast ein „No Name“. Louis Audemars war nicht  Audemars Piguet.

Die vorhandene Literatur gab wenig her, widersprach sich teilweise, die Werknummer der Uhr war merkwürdig niedrig. Ein Uhrenverzeichnis schien es nicht zu geben, keiner kannte Werk- und Verkaufsbücher. Also machte sich Hartmut Zantke selber auf die Suche. Zahlreiche Reisen in die Schweiz, viele Briefe, Faxe und Emails wurden geschrieben, lose Werke wurden gekauft, die eine oder andere Uhr ebenfalls. Telefongespräche rund um die Welt geführt. Er lernte den Ur-Urenkel, Paul  Audemars, in England kennen und dann ging der Knopf plötzlich auf. Eine Information kam zur anderen, eine Uhr zur nächsten. Systematisch wurden Museums- und Auktionskataloge sowie alle auffindbaren Bücher über Taschenuhren durchgesehen. Die Spezialliteratur über das Vallée de Joux zu Rate gezogen.

Nach drei Jahren, die mit der Recherche verstrichen, war der inzwischen auf Louis-Benjamin Audemars und seine Familie spezialisierte Sammler so weit, an eine Veröffentlichung der Ergebnisse seiner Forschungen zu denken. Durch Stefan Muser kamen wir 2002 in Verbindung und ein knappes Jahr später liegt das Buch nun vor (ca. 520 Seiten mit 603 Abbildungen von 152 Uhren). Eine umfangreiche Geschichte dieser abgelegenen Gegend, aus der fast alle komplizierten Taschenuhren der Welt kommen, gleichgültig ob die Signatur London, Paris, St. Petersburg, Genf oder Glashütte lautet. Das Rohwerk, oft sogar die ganze Uhr stammen aus diesem einsamen, stillen Hochtal nördlich von Genf mit dem gleichnamigen See in der Mitte, das die Namen berühmter Uhrmacher wie LeCoultre, Piguet, Golay, Audemars, Aubert, Meylan und wie sie alle heißen auf wenigen Quadratkilometern vereint. Zu Beginn des 19. Jh. wo noch jedes Teil einzeln mit der Hand angefertigt wurde und es Spezialisten für Kalender, Schlagwerke oder Chronographenmechanismen gab, brachten Louis-Benjamin Audemars und seine Söhne die besten Handwerker unter dem Namen „Louis Audemars“ zusammen um außergewöhnliche Uhren zu bauen. Ein früher Kronenaufzug mit Zeigerstellmechanismus, Ewiger Kalender, Minutenrepetition, Selbstschlaguhren, Schleppzeiger, Zweizonenzeiten und was es sonst noch an Funktionen in ein Uhrwerk einzubauen gab, fanden sich in so berühmten Uhren wie „La Russe“, „La Millèsime“, „Le Royale“ oder der „Universelle“, alles hoch komplizierte Taschenuhren, technische Meisterleistungen, die später kaum wieder erreicht wurden. Erst die „Graves“ und das „Kaliber 89“ von Patek Philippe schließen wieder zu diesen Spitzenleistungen auf.

 

Christian Pfeiffer-Belli, München

 

 

 

 

Klassik Uhren 4/2004

Hartmut Zantke „L.-B. Audemars, Sein Leben und Werk“

 

434 Abbildungen, Format 35 cm x 31 cm, 2003, Sozialkartei-Verlag, Seestraße 21, D-71229 Leonberg

 

Es ist schon ein beeindruckendes Buch, wenn man es in die Hand nimmt und genüsslich darin blättert. Man spürt, dass hier mit viel Engagement und enormer Akribie versucht wurde, Leben und Wirken dieses berühmten Uhrmachers bzw. der ganzen Dynastie nachzuvollziehen und darzustellen. Dass dieses Buch zweisprachig herausgegeben wurde, ist pikanterweise einem in England lebenden Nachkommen, Paul Audemars, zu verdanken. Dies kommt aber nicht von ungefähr: Wer die Geschäftsbeziehungen der Manufaktur Audemars im 19. Jh. mit England im Buch verfolgt, wird dabei mehr als überrascht sein. Dazu aber später. Allein den englischen Text zu lesen, ist, zumindest für mich, schon ein Genuss.

Ausführlichst wird im ersten Textteil auf die technische Entwicklung der Uhr im Allgemeinen und dann speziell im Schweizer Jura, den Kantonen Neuchâtel, Waadt bzw. Vallée de Joux – und dies vom 16.–18. JH. eingegangen. Dann wird des Weiteren im insgesamt 201 starken Textteil ausführlich über die spannende Geschichte der Uhrmacherfamilie Audemars berichtet. Wenn man das liest, kann man dem Autor Zantke zu seinen Recherchen nur gratulieren. Im Anhang ist dazu sogar ein übersichtlicher Stammbaum der Dynastie aufgezeichnet.

Der Bildteil allein ist geradezu umwerfend. In enormer Fleißarbeit hat der Autor die feinsten und kompliziertesten Uhren bildmäßig dargestellt. Besonders sei an dieser Stelle betont, dass für den echten Sammler sehr viele Werke, z.T. bis in die entscheidenden Details, abgebildet sind. Die Fotos, seien diese aus Privatbesitz, Auktionskatalogen, Werkarchiv oder Fachzeitschriften, informieren jeden Liebhaber von Audemars-Uhren umfassend über die Schaffens-, und damit auch Konstruktions-Vielfalt, dieses genialen Erfinders, Konstrukteurs und seiner Söhne bzw. Nachkommen.

Als ich dieses Buch in Händen hielt, stand für mich fest, dieses unbedingt in der Bibliothek haben zu müssen. Denn: Wenn man selbst eine schöne Taschenuhr von L.-B. Audemars, auch wenn es leider nur eine einzige ist, sein eigen nennt, eine herrlich gearbeitete Springende Sekunde, auf einer Brücke signiert, eingeschalt für den englischen Markt in ein schweres 18-Kt. Gehäuse, kann man dem Erwerb des Buches nur schwer widerstehen. Wer ist dann nicht neugierig, ob eine ähnliche Uhr abgebildet ist, in welche Zeit die Fertigung eventuell einzuordnen ist usw. Natürlich wirft man den ersten Blick in das Inhaltsverzeichnis und wird dort auch fündig. Hinter den Ziffern 34, 36 und 67 sucht man im Bildteil unter den Nummern 36 und 37 allerdings vergeblich nach einer solchen Uhr. Also dann in den 202 Seiten umfassenden Textteil. Hier findet man dann Schwarz-Weiß-Abbildungen bzw. Texthinweise auf den entsprechenden Seitenzahlen. Der Verfasser konnte lediglich bei den Springenden Sekunden mit Komplikationen seine Uhr in etwa zuordnen und anhand des Buches feststellen, dass die Manufaktur Werke für ausländische Auftraggeber gefertigt hat und diese auch dort in dem jeweiligen Land dann eingeschalt wurden. Bei genauerer Durchsicht des Buches fallen aber dem aufmerksamen, kritischen Leser doch noch einige „Ungereimtheiten“ auf.

Der Verfasser hat m.E. eine zu große Vorliebe für bestimmte Audemars-Uhren. Denn ganz anders verfährt er bezüglich Hinweisen, sowohl im Inhaltsverzeichnis als auch bei der Zahl der Abbildungen, bei den Repetierern, Kalendern bzw. Ewigen Kalendern mit und ohne Repetition bzw. sonstige Komplikationen.

Wenn man sich, wie ich, auch mit dem Thema „Ankerchronometer“ auseinandersetzt und über die Entstehungsgeschichte dieser Taschenuhren mit den 19,5 mm-Unruhen mehr wissen will, schaut man auch hier im Inhaltsverzeichnis zuerst nach. Im Bildteil findet man insgesamt 10 dieser Uhren mit der gesuchten Bezeichnung. Allerdings scheint der Autor, wie auch die meisten Auktionshäuser, es mit dem Begriff „Ankerchronometer“ nicht allzu genau zu nehmen. Es sei denn, seine Definition lautet anders als die dafür von Lange/Glashütte erstmals 1882 im Verkaufsbuch verbindlich vorgesehene Bezeichnung für 1A-Taschenuhren mit 19,5 mm-Unruhe!? Die Uhr Nr. 12, S. 224, hat nur ein Gehäuse Ø von 51 mm, die auf Seite 414 von gar nur 50 mm. Die HTU Nr. 85 Seite 380 könnte wiederum ein Ankerchronometer sein. Allerdings sind keine Angaben über den Werk Ø zu finden.
Zum Thema Glashütte weiter: Bei der Uhr Nr. 123, S. 462, 14 Kt.-Sav. für Dürrstein von Audemars gefertigt, in der typischen Glashütter 3/4-Platinen-Bauweise, bleibt man leider die Aufklärung bezüglich der Ankerhemmung – ob Schweizer oder Glashütter – schuldig. Die Frage stellt sich für mich als Leser deshalb, weil mir zwei 14 Kt.-Sav. der Fa. Eigenmann/Nürnberg bekannt sind. Gleicher Werkaufbau, jedoch einmal mit Glashütter und einmal mit Schweizer Anker.
Beim Studium der im Sachregister gelisteten Hemmungen fällt die seltene Robin-Hemmung ins Auge. Im Text findet man auf den Seien 83 und 142 (nicht 144 wie angegeben) den Hinweis, dass L.-B. Audemars hier mit einer einmaligen Konstruktionsform versucht hat, diese Hemmungsform praxisnah in einer Taschenuhr umzusetzen. Kein Hinweis allerdings im Verzeichnis auf die dazugehörige Taschenuhr-Abbildung Nr. 7 auf Seite 216! Weiter wäre für mich interessant zu wissen, ob das Haus Audemars zu den damals existierenden Uhrmacherschulen Beziehungen, egal welcher Art – sei es als Schüler, Einstellung von Absolventen, Ausübung von Lehrtätigkeit oder Bereitstellung von Ébauches usw. – gepflegt hat. Immerhin wurde bereits 1824 die Uhrmacherschule in Genf gegründet. Im Lehrerverzeichnis derselben wird ein Paul Audemars aus Le Brassus als „Maître de blanc, d’ébauches et de finissage etc.“ erwähnt von 1874 bis zu seinem Tod im Dezember 1910. Nur zufällige Namensgleichheit?
Bei den Werknummern-Verzeichnissen war für mich sehr aufschlussreich, dass die Manufaktur Audemars sehr viele Werke nicht nur an renommierte Schweizer Hersteller (z.B. Patek Philippe u.a.), geliefert hat, sondern auch an Frodsham, Dent etc. Leider sind im Werkverzeichnis sehr oft nur die Nummer bzw. Hinweis auf die Fotos angegeben, jedoch nicht um welchen Werktyp, z.B. Repetierer, Kalender etc. es sich handelt.
Die angeführten Kritikpunkte sind mit nur kleinem Aufwand zu beheben. Es ist und bleibt ein schönes Buch für Liebhaber qualitätsvoller, komplizierter Taschenuhren, gefertigt von einem der wohl namhaftesten Schweizer Uhrmacher. Dazu ein informatives Buch über die geschichtliche Entwicklung der Schweizer Uhrmacherei im Vallée de Joux. Aber auch ein Buch dem es in jedem Fall gegönnt sein sollte, eine zweite, aber dann sorgfältig überarbeitete Auflage zu erleben. Dem Autor ist zu wünschen, dass viele Zuschriften bzw. Informationen über weitere Audemars-Uhren ihm helfen, das, m.W. bisher einzige, Werkverzeichnis zu erweitern bzw. zu ergänzen. Dann auch mit einem weit ausführlicheren Inhaltsverzeichnis, damit das Buch das wird, was es eigentlich sein sollte: ein perfektes Nachschlagewerk.

 

K. Pöhlmann