Auszug aus dem Buch
Louis-Benjamin Audemars

- Sein Leben und Werk -

Aufstieg und Niedergang einer Uhrmacherdynastie

 
 

Am 22. Mai 1782 erblickte Louis-Benjamin Aude­­mars als Sohn des Pierre-Hen­ri und sei­­ner Ehefrau Suzette, geborene Pi­gu­­et in Derrière les Grandes Roches das Licht der Welt. Pier­re-Henri Audemars war Edelsteinschleifer. Er bearbeitete Edelsteine und falsche Steine für die Uhrmacherei oder für die Schmuckherstellung. Er starb mit 44 Jahren noch sehr jung an einer Epidemie, der in den nächsten Jahren auch mehrere andere Familienmitglieder zum Opfer fie­­len.

 

Über die Lehrzeit und Ausbildung Louis-Ben­ja­­mins ist nur bekannt, dass er  sich schon früh zum Be­­ruf des Uhr­ma­­chers hingezogen fühlte und nach dem Besuch der Grundschule  seine Ausbildung zum Uhr­ma­­cher bei Philippe Sa­mu­­el Mey­lan begann. Nach Beendigung seiner Lehr­­zeit ar­bei­te­­te er ca. zwei Jah­re bei Breguet in Paris, zu des­­sen Mei­ster­schü­lern er zähl­­te. Die­­s er­­klärt, dass L.-B. Audemars die Ka­li­­ber von Bre­gu­et als Grund­la­­ge für seine ei­ge­­nen Ka­li­be­rent­wick­lun­gen benutzte und dass er gute geschäftliche Be­zie­hun­­gen zu Breguet in Pa­­ris hat­te. Später lieferte das Haus Louis Audemars über vie­­le Jahrzehnte kom­pli­zier­­te Uhrwerke an Breguet.

 

Bei der Herstellung von Blancs und Ébauche bewies L.-B. Au­de­­mars sein großes Ta­­lent. Be­son­­ders bei der Anfertigung von Ka­dra­tu­ren für komplizierte Uh­ren zeigte er seine außergewöhnlichen hand­werk­li­­chen Fä­hig­keiten. Sei­­ne Ge­schick­lich­­keit, schnel­­le Auffassungsgabe, In­tel­li­­genz und Zuverlässigkeit führten schließlich da­­zu, dass ihn sein Schwa­­ger und Lehrherr Philippe Samuel Mey­lan in sein Ge­­schäft aufnahm.

 

Im Jahr 1802, im Alter von 20 Jahren, heiratete L.-B. Audemars Ju­lie LeCoultre, die Toch­­ter von Eli­­sée LeCoultre von Vers Chez le Maitre. Er zog von dem abgelegenen Weiler Derrière-les-Grandes-Roches nach Chez le Maitre, wo am 1. Sep­tem­­ber 1803 sein er­­ster Sohn, Fran­çois-Elisée, geboren wur­­de.

 

1806 kam mit Auguste Audemars der zweite Sohn, 1808 der dritte Sohn Louis und 1812 der vierte Sohn Julien zur Welt. Diese vier Söhne - drei Kinder aus der ersten Ehe waren verstorben - sind später bedeutende Uhrmacher geworden.

 

Nach dem Tod seiner ersten Ehefrau im Jahr 1813 heiratete L.-B. Audemars im Jahr 1814 sei­­ne junge Nach­ba­­rin, die am 2. August 1794 geborene Luise-Hen­riet­te Rey­­mond. Aus der zweiten Ehe L.-B. Audemars gingen folgende Kinder her­­vor: Adolphe, Hen­riet­te, Hector, Ade­li­ne-Loui­­se, Eugénie-François, Eu­gé­nie, Zélie und Char­­les-Henri.

 

Ins­ge­­samt hatte somit L.-B. Audemars aus den zwei Ehen 15 Kin­­der, von de­­nen drei früh ge­stor­­ben sind. Die vier Söhne aus er­­ster Ehe und die vier Söh­­ne aus zweiter Ehe erlern­­ten in der Werk­­statt des Vaters den Uhr­ma­cher­be­ruf und wa­­ren in seinem Un­ter­neh­­men zum Teil jahr­zehn­te­­lang als Uhrma­­cher tätig.

 

Im Jahr 1811 entschloss sich Philippe Samuel Meylan zu­sam­­men mit Isaac Piguet nach Genf zu gehen. Dort gründeten sie die be­rühm­­te Firma Piguet et Meylan. Vor seinem Weg­­gang setzte Phi­lip­pe Samuel Mey­lan sei­­nen Schwager L.-B. Audemars als sei­­nen Nachfolger ein. Er überließ ihm seine Werk­­statt mit den Ar­bei­­tern, seine Plä­­ne, Uhrenteile und Uhr­wer­­ke sowie das ge­sam­­te Werk­­zeug. Es wa­­ren genügend Aufträge vorhanden, um L.-B. Audemars von Anfang an aus­zu­la­sten und einen aus­rei­chen­­den Um­­satz zu ge­währ­lei­­sten.

 

Nach der in Crêt-Meylan im Jahr 1811 erfolgten Gründung des  Hauses Louis Audemars wur­­de die von Phi­lip­pe Meylan über­nom­me­­ne Produktion von Uh­ren­tei­len und Blancs fortgesetzt. L.-B. Audemars be­­gann die Werkstatt zu mo­der­ni­sie­­ren und zu ver­grö­­ßern und in der Tra­di­ti­­on eines der bedeutendsten Uhrmachers sei­­ner Zeit, Phi­lip­pe Samuel Meylan, fort­zu­füh­­ren. Zu­neh­­mend pro­du­zier­­te er komplizierte Mechanismen wie z.B. Ébauche mit Schlag­wer­ken und Kalendern, die be­son­­ders in Genf sehr gefragt wa­­ren. Er war ein Per­fektio­­nist, für den Zeitaufwand und Ko­­sten se­kun­­där waren. Selbst die Uh­ren­tei­­le, die man nur nach ei­­ner Zer­le­­gung des Wer­kes sieht, waren mit der glei­­chen Sorgfalt wie die sichtbaren Teile ge­fer­­tigt. Jedes Stahl­teil wurde ge­schlif­­fen und solange poliert, bis die Ober­flä­­che fast schwarz schien. Je­­der Win­­kel, sei er noch so klein und unerreichbar, wurde mit höchster Prä­zi­si­­on bearbeitet. Die winzigen Oberflächen aller Stahl­tei­­le wa­­ren spiegelpoliert und auf keinem der Schrau­ben­köp­fe durf­­te je­­mals die Spur des Schrau­ben­zie­hers zu sehen sein.

 

Vor 1811 lieferte die Uh­ren­in­du­­strie im Vallée de Joux nur Uh­ren­tei­­le und Blancs, das heißt nur grob be­ar­bei­te­­te un­voll­stän­di­­ge Uh­­ren-Rohwerke, bestehend aus Werk­pla­ti­nen, Brüc­­ken und Klo­­ben, Federhaus und even­tu­­ell Schnecke. Die Blancs mussten noch fer­tig­ge­­stellt, mit Zif­fer­blät­tern, Zei­­gern und Hemmung ver­se­­hen und in Gehäuse eingeschalt werden.

 

Eine der größten Leistungen L.-B. Audemars war, dass er als er­­ster Uhrmacher im Vallée de Joux den veralteten tra­di­tio­nel­­len Werks­auf­bau durch die von Lépine erfundene und von Bre­gu­et wei­te­rent­wickel­te Werks­kon­struk­tion für den Bau fla­­cher Uhren mit oder ohne Kom­pli­ka­tio­­nen in tech­­nisch hoher Qualität zu gün­sti­­gen Prei­­sen ersetzte. Durch die Fer­ti­­gung dieser Breguet-Ka­li­­ber wur­­de L.-B. Audemars in der Schweiz einer der be­deu­tend­­sten Uhrmacher sei­­ner Zeit.

 

Im Jahr 1828 bestand das Haus Louis Audemars aus dem Vater L.-B. Audemars und seinen acht Söh­­nen. Ab diesem Jahr firmierte Au­de­­mars unter dem Namen „Louis Audemars & Fils“.

 

Etwa bis zum Jahr 1850 lieferte das Haus Louis Audemars über­wie­­gend Uhrenteile, vor allem Kom­pli­ka­tions­tei­le sowie Roh­wer­ke mit und ohne Komplikationen und Hem­mungs­sy­stem an zahl­rei­­che Etablisseure. Diese vollendeten die Werke, versahen sie mit ihrer Werknummer und häufig auch mit ihrem Firmennamen, schalten sie weiter in Gehäuse ein und verkauften sie unter ihrem Namen.

 

Haupt­ab­neh­mer von Werk­tei­len und Rohwerken, aber auch von kompletten Uhren (teilweise mit der Nummer und der Signatur der Käuferfirma) waren unter anderem die Firmen Le Roy, Bre­gu­et, Jür­gen­sen, Charles Oudin, LeCoultre, Pi­gu­­et Frères, Bautte, Piguet & Meylan, Czapek & Co., Parkinson & Frodsham, Frodsham, Dent, Benson und Aubert Frères. Fast alle Werke  der komplizierten Uhren der Firma Oudin aus den Jahren 1820 bis 1885  wurden vom Haus Louis Audemars geliefert.

 

In den Jahren 1838 bis 1845 lieferte Audemars an die Firma Czapek & Co. 41 Werke mit dem neu entwickelten Kronenaufzugs- und Zeigerstellsystem sowie Werke mit Komplikationen und Spezialuhren, unter anderem zwei Uhren mit Werken aus Platin.

 

Durch seine Arbeit und, wie es damals leider häufig vorkam, durch eine unzureichende Ernährung war L.-B. Audemars Gesundheit in den Jah­­ren 1825 bis 1833 sehr angegriffen. Am 22.5.1833 starb er unter großen Schmer­­zen. Die ganze Gegend trauerte um diesen ehrenvollen Mann. Seine Ar­bei­­ter, für die er zeitlebens ein Wohltäter war, beweinten ihn lange und man hörte nur Gutes über ihn.  Die Witwe L.-B. Audemars erzählte ihren En­kel­kin­dern, dass sie nie einen so großen Trauerzug wie bei der Beerdigung ihres Mannes gesehen hätte.

 

 

Im „HISTORISCHEN BERICHT der Uhrenmanufaktur“ aus dem Jahr 1873 wird über das Haus Louis Au­de­­mars ausgeführt:

 

"Es war ein großes Glück für die Uhrmacherei im Vallée de Joux, dass Louis Au­de­­mars bald nach Gründung seines Un­ter­neh­­mens im Jahr 1811 eigene Kaliber auf der Basis der Bre­gu­et-Ka­li­­ber in allen Größen, in allen Höhen und in allen Formen, oft je nach der Mode, ent­wickel­­te, Konstruk­ti­ons­plä­­ne entwarf und die Rohwerke hier­­nach baute. Er bereitete die Ka­li­­ber für al­­le Ar­­ten von Sekunden couleés, mortes und independantes vor und wen­de­te sie nicht nur auf die Drei-Schrauben-Kadraturen von Breguet (ca­dra­tu­res à trois vis de Breguet) an, sondern auf alle be­kann­­te Son­ne­ri (Weckfunktionen, Schlag­wer­ke, Repetitionen). Durch die Fertigung die­­ser auf den Bre­gu­et-Ka­li­bern ba­sie­ren­­den Wer­­ke platzierte sich Audemars sofort an die erste Stel­­le un­­ter den Fa­bri­kan­ten en Blancs, die die Uhrenhäuser in Genf und an­de­­re Uh­ren­fa­bri­­ken be­lie­fer­­ten. Louis-Benjamin Au­de­­mars starb am 21. Mai 1833 im Alter von 51 Jahren und hin­ter­­ließ sei­­nen Nach­fah­­ren ein hoff­nungs­vol­­les Unternehmen.“

 

Audemars-Valette zitiert eine alte Chronik, die das Leben und die Philosophie des Grün­­ders des Hauses Louis Audemars in we­nigen Sätzen wie folgt zu­sam­­menfasst:

 

"L.-B. Audemars ist der Gründer des gro­­ßen Hauses, das die­­sen Na­­men trägt. Er wurde 1782 in Brassus geboren und zeig­­te von Beginn seiner Lehr­­zeit an ei­­ne sel­te­­ne Begabung und ei­­ne außergewöhnliche Fin­ger­fer­tig­­keit. 1811 über­­nahm er das Haus sei­­nes Schwa­­gers und ehemaligen Meisters Phi­lip­pe-Sa­mu­­el Meylan. Er grün­de­­te ein Un­ter­neh­­men für Ébauche, Pig­nons und Ca­dra­tu­res. L.-B. Audemars war ein begabter Künstler und Prak­ti­­ker, dessen tech­ni­­sche Be­ga­­bung, hand­werk­li­­ches Ge­­schick und Er­fin­dungs­reich­tum ihn im Vallée de Joux zu ei­­ner Legende mach­­ten. Er war ein Perfektionist, der jede Arbeit, die nicht im De­­tail per­­fekt ausgestaltet war, ablehn­­te. Au­de­­mars war so über­­zeugt von der Zukunft der tech­­nisch komplizierten Uhr­ma­che­­rei, dass er auf sei­­ne Ko­­sten ein Jahr lang den letz­­ten Ca­dra­tu­rier beschäftigte, der in der Lage war, Uhrwerke mit Minuten-Repetitionsschlagwerken herzustellen, nur um seine Fingerfertigkeit wäh­­rend der Wirtschaftskrise von 1816-1817 zu erhalten. Die spä­te­­re gro­­ße Nachfrage nach Uhren mit Minuten-Repetitionsschlagwerken im Lau­­fe der nächsten Jahrzehnte bestätigte seine Entscheidung. Trotz sei­­ner an­ge­schla­ge­­nen Gesundheit ver­folg­­te er mit Be­harr­lich­­keit sein großes Ziel: In der ei­ge­­nen Werkstatt ver­kaufs­fer­ti­ge Uh­­ren oh­­ne Zulieferer selbst herzustellen. Ihm selbst war es nicht mehr vergönnt, dieses Ziel zu er­rei­­chen. Seine Söhne führ­­ten jedoch sein Un­ter­neh­­men in sei­­nem Sinne fort und konn­­ten ei­ni­­ge Jahre spä­­ter den Wunsch ihres Va­­ters, die Her­stel­­lung verkaufs­fer­ti­ger Uhren, erfüllen. Von diesem Zeit­­punkt an wur­­de aus dem Haus Louis Audemars als bis­he­ri­­ger Zu­lie­fe­­rer für die Et­ablis­seu­re die erste Uh­ren­ma­nu­fak­tur im Vallée de Joux.“

 

Nach dem Tod von Louis-Benjamin Audemars fand am 24. Mai 1833 ein Familienrat statt. Anschließend wurde vor dem Frie­dens­ge­richt von Cercle du Chénit ein Vertrag über die Verteilung des Nachlasses ge­schlos­­sen.

 

Mit seiner Unterzeichnung wurde ent­schie­­den, dass das Unternehmen ohne Veränderungen unter dem gleichen Fir­men­na­­men „Louis Audemars“ weitergeführt wer­­den sollte. Die 12 Kinder blieben Teilhaber mit der Option, aus der Firma aus­zu­schei­­den. Die Witwe Henriette Audemars über­­ließ den Fir­menan­teil, der ihr gesetzlich zustand, ihren Kin­­dern. Nach der Be­stands­auf­nah­me dieses Erbes vom 16. Au­­gust 1833 hin­ter­­ließ L.-B. Audemars ein Nettoguthaben von 76.840 alten Francs oder 115.273 neuen Francs. Dies ergab für je­­des der 12 Kin­­der, die Teilhaber blieben, 6.403 alte Francs, die als Grundlage für ein Fa­mi­lien­kon­to dienten. Gleichzeitig beschlossen die acht Söh­­ne, das Unternehmen ihres Vaters unter dem Namen „LOUIS AU­DE­MARS FILS" unter der technischen Leitung der äl­te­­sten Söh­­ne François und Auguste weiterzuführen.

 

Die Söhne hatten sich zum Ziel gesetzt, den Wunsch ihres Vaters nach Herstellung kompletter verkaufsfertiger Uhren in der ei­ge­­nen Werkstatt baldmöglichst zu erfüllen.

 

1848 war ein wichtiges Datum für die Uhrmacherei im Vallée de Joux. In diesem Jahr beschlossen die acht Söhne L.B. Audemars, künftig über­wie­­gend nur noch komplette Uhren mit dem Mar­ken­zei­­chen "Louis Audemars" auszuliefern. Damit soll­­te das Ziel ihres Vaters, im Vallée de Joux die ersten kompletten Uh­­ren in der eigenen Werkstatt herzustellen, erreicht werden. Da sie jedoch das hohe Risiko des Verlusts der alten Kundschaft scheu­­ten, wurden auch weiter wie bisher Uhrenteile und Uhrwerke als Blancs und Ébauche für die Stammkundschaft her­ge­­stellt. Trotz des bereits vorhergesehenen Verlusts ei­ni­­ger der alten Kunden bestätigte die große Nachfrage nach kom­plet­­ten Uhren die Richtigkeit dieser Entscheidung.

 

Einige Jahre lang musste Audemars noch von anderen Uhrenfabriken Fournituren wie z. B. Zif­fer­blät­­ter, Zeiger und Gehäuse bezie­­hen, da ihre Herstellung im eige­­nen Haus noch zu auf­wen­­dig war. Aber schon wenige Jahre später war Au­de­­mars in der Lage, auch diese be­son­de­­ren Uh­ren­tei­­le in ho­­her Qualität selbst her­zu­stel­­len. Somit konn­­ten bei Audemars als einziger Manufaktur im ganzen Vallée de Joux alle Uhren, die an den Han­­del geliefert wurden, in ei­ge­­nen Werk­stät­­ten von den eigens hierzu ausgebildeten Ar­bei­­tern her­gestellt werden.

 

Im Jahr 1849 stell­­te das Haus Louis Au­de­­mars die er­­ste Uhr mit zwei Federhäusern vor, die mit der Krone  auf­ge­zo­­gen werden konnten.

 

1851 entwickelte Au­demars erst­­mals eine komplette Uhr, de­­ren Aufzug mit Hil­­fe einer über dem Pen­­dant befindlichen Krone nach den gleichen Prin­zi­pi­­en wie bei den heutigen Uhren erfolgte.  Diese Uhr wurde unter anderem in der Vitrine des Hauses Louis Au­de­­mars bei der Welt­aus­stel­­lung im Jahr 1851 in Lon­­don ausgestellt. Dieser neue, ver­bes­ser­­te Auf­zug kombinierte das von Au­de­­mars im Jahr 1838 fer­tig­ge­stell­­te Aufzugssystem mit den Vor­tei­­len des von A. LeCoultre im Jahr 1847 vorgestellten Kronenaufzugs. Nachdem das neue Aufzugssystem bis zum Jahr 1851 zur Serienreife entwickelt war, gab Au­de­­mars bekannt, dass auf Wunsch der Kunden jedes Kaliber ab sofort auf das neue Sy­stem um­ge­­stellt werden könne. Die­­se Arbeit war au­ßer­ge­wöhn­­lich zeit­intensiv und schwie­­rig, da alle bis­­her ent­wickel­­ten Uhrenkaliber, auch die­je­ni­­gen auf der Ba­­sis von Breguet, um­konstruiert werden mussten. Bei vie­­len bisher benutzten Ka­li­bern war ein Um­stel­­len auf das neue Sy­­stem zu aufwendig, vor al­­lem, wenn in den Werken zu we­­nig Platz für das Rä­der­­werk des Kro­nen­auf­zugs war. Dem Haus Louis Audemars blieb des­­halb oft nichts anderes üb­­rig, als in teurer und langwieriger Arbeit für das neue Aufzugssystem  völ­­lig neue Ka­li­­ber zu ent­wic­­keln. Weiterhin mussten neue Werk­zeu­­ge für die gesamte Fa­bri­ka­ti­­on wichtiger Uhrenteile herge­­stellt werden. Ge­­plant war, die Umstellung in zwei bis drei Jahren durch­zu­füh­­ren. Tat­säch­­lich dauerte sie fast dreizehn Jahre.

 

Die zwei Niederlassungen in London und Paris arbeiteten um 1858 gewinnbringend. Deshalb begann das Haus Louis Audemars auch außerhalb Europas neue Niederlassungen zu grün­­den.

 

Um 1858 wurde in New York ein Ladengeschäft unter der Lei­­tung von M.P.A. Brez gegründet, dessen Nachfolger bis ins Jahr 1885 die Firmen „Audemars & Shaffus“, „M. Eugène Robert & Co.“ und „M.A. Wittnauer“ wa­­ren.

 

In den Jah­­ren von 1875 bis 1878 prosperierte das Unternehmen Louis Audemars, Umsatz und Ge­­winn wurden erheblich gesteigert. Auch in Deutschland hat­­ten sich die Geschäfte seit Kriegsende gut entwickelt und die Ge­schäfts­lei­­tung beschloss deshalb, den Vertrieb  in Deutschland aus­zu­wei­­ten und damit die Umsätze zu erhöhen.

 

Nach der Etablierung in den wichtigsten Städ­­ten Europas wurde beschlossen, in Asien zu investieren und besonders die Geschäfte in China auszuweiten. Seit 1875 be­stan­­den Beziehungen zu dem Haus Ch F. Gaupp & Cie in Hong Kong, das in wenigen Jahren zahlreiche Uhren ver­kauf­­te.

 

Die Zeit zwischen 1850 und 1880 war das goldene Zeitalter der Uhr­ma­che­­rei im Vallée de Joux, nicht nur wegen des weltweiten Erfolgs des  Hauses Louis Au­de­­mars, sondern auch wegen der hervorragenden Leistungen anderer Hersteller von Uhren, wie z. B. der Firmen Aubert Frères, Piguet Frères und  LeCoultre.

 

Die Uhren, die vollständig im Vallée de Joux her­ge­­stellt wur­den, waren weltweit sehr gefragt und begründeten den erstklassigen Ruf der Schweizer Uhrenindustrie. Die hohen Preise, die für die Uh­ren aus dem Vallée de Joux bezahlt wurden, brachten der Re­gi­­on gro­ßen Wohlstand und bescherten den Arbeitern, die fast alle bei ihren Fa­mi­li­­en zu Hause in den Wohnungen arbeiteten, viel Frei­­heit und die Möglichkeit einer flexiblen Zeitgestaltung.

 

Ab dem Jahr 1880 entwickelte sich die Geschäftstätigkeit des Hau­­ses Louis Audemars nur noch sehr schleppend. Man stand am An­­fang einer langen Krise und sorgte sich um die Konkurrenz der anderen Uhrenfa­bri­­ken, die sehr schnell ihre Produktion modernisierten und damit die Ko­­sten senkten. Gute Uhrwerke von LeCoultre kosteten im Jahr 1870 ca. 40,- Francs. Sie wurden in den nächsten Jahren um die Hälf­­te billiger und kosteten später nur noch 10,- Francs, ohne dass dabei die Qualität wesentlich schlechter wurde. Durch die immer besser werdenden Ma­schi­­nen fielen die Preise, da immer weniger teure Hand­ar­bei­­ten erforderlich waren.

 

Da die in den eigenen Werkstätten in Handarbeit erzeugten ein­fa­­chen Uhren jetzt zu teuer waren, kaufte das Haus Louis Au­de­­mars auch von anderen Herstellern, insbesondere von der Firma LeCoultre Uhrwerke, die nach den Audemars-Kalibern gebaut waren. Diese zugekauften Wer­­ke waren teilweise fertig finissiert, wurden im eigenen Haus in Ge­häu­­se ein­ge­schalt und konnten dann preiswert verkauft werden. Für Uhren hoher Qualität sowie für die komplizierten Uhren be­nutz­­te das Haus Louis Audemars jedoch weiterhin Werke, die in den eigenen Werkstätten noch überwiegend von Hand her­ge­­stellt wurden. Die Geschäftsführung erkannte damals nicht, dass die gleichen Uhrwerke für kom­pli­zier­­te Uh­ren in guter Qualität viel preiswerter auch maschinell her­ge­­stellt werden konnten. Zwar waren die von Hand gefertigten Kom­pli­ka­tio­­nen schöner und von noch höherer Qualität als die mit Maschinen hergestellten, jedoch waren nur noch we­ni­­ge Kunden bereit, den Qualitätsunterschied und die Schönheit der Handarbeit mit höheren Preisen zu bezahlen. Die Fehl­ent­schei­­dung des Hauses Louis Audemars, auch in Zukunft komplizierte Uh­­ren im Wesentlichen in Handarbeit herzustellen und die in­du­stri­el­­le Fertigung anderen Uhrenherstellern zu überlassen, er­­klärt sich vielleicht auch durch die enormen Anstrengungen und die damit verbundene tiefgehende Identifizierung mit den mühsam entwickelten Produktionsmethoden, die das Haus Louis Audemars in den vergangenen Jahr­zehn­­ten eingeführt hatte, um von „Ébauche à roue de rencontres“ bis zu den kom­pli­zier­te­sten Uhren höchster Qualität und Schön­­heit alles kom­plett von Hand allein in den eigenen Werkstätten her­­stel­­len zu können.

 

Als es später darum ging, größere und vielfältigere Sortimente zu lie­fern, musste auf Vorrat produziert werden. Vor allem für die kom­pli­zier­­ten Uhren brauchte das Unternehmen auf­grund der Hand­ar­­beit viel Zeit und teures Material, bis die Uhren ver­kaufs­fer­tig wa­­ren. Die Herstellungszeit war immer länger als geplant, weil die Uhren durch zu viele Hände gingen. Die Kon­kur­renz­fir­men des Hauses Louis Audemars benutzten hin­ge­gen Maschinen, um Ébauche in aus­rei­­chend guter Qualität und in großer Stückzahl in kürzester Zeit herzustellen.

 

Zu spät erkannte Audemars, dass zum Überleben der Manufaktur nichts anderes üb­­rig blieb, als neben der Handfertigung neue Pro­duk­tions­me­tho­den mit Ma­schi­­nen einzuführen um dadurch zu­min­­dest teilweise mit der Kon­kur­­renz mithalten zu können. Un­ter­­stützt von Eugène Audemars stell­­te dessen Sohn Louis Au­de­­mars-Vallette unter Verwendung von Uh­ren­roh­tei­len, die mit einer Stanzmaschine her­ge­­stellt wurden, komplizierte Uh­­ren zu Preisen her, die wesentlich niedriger waren als die der bisher al­­lein von Hand hergestellten. Bei­spiels­wei­­se konnte mit der neu­­en Produktionsmethode ein Minuten-Repetitionsschlagwerk mit 19 Li­ni­­en, das bisher aufgrund der teu­­ren Handarbeit für 1.350,- Francs verkauft wurde, jetzt für 850,- Francs angeboten wer­­den.

 

Durch eine Neukonstruktion von Kalibern im Jahr 1881 - die drit­­te in der Firmengeschichte des Hauses - gelang es, die Herstellungskosten weiter drastisch zu senken. Die neuen Ka­li­­ber konnten ohne Schwierigkeiten sowohl für offene als auch für Savonnette-Uhren, für Viertelstunden- und Minuten-Repetitionsschlagwerke und für Uhren mit weiteren Komplikationen verwendet werden.

 

Der große Vorteil dieser Neuerung bestand darin, verschiedene Teile zu vereinheitlichen und damit zu erreichen, dass alle ma­schi­­nell hergestellten Werkteile ohne An­pas­sungs­schwie­rig­kei­ten für verschiedene Werke verwendet werden konn­ten. Ausnahmen blie­­ben die Kaliber für die individuellen Aufträge sowie für Modeuhren, die viel­fäl­­tig sein konnten und deren Herstellung während der Industriekrise einen wesentlichen Anteil an der Gesamtproduktion  hatte.

 

Im Jahr 1882 begann für die Uhrenindustrie in der Schweiz eine lange Krise. Die Geschäfte Audemars liefen mit jedem Monat schlechter und es wurde immer schwieriger, die Zins- und Tilgungsraten an die Bank zu bezahlen.

 

Der zunehmende Einsatz von Maschinen etwa ab dem Jahr 1875 verursachte erhebliche Preis­sen­kun­­gen bei der Uhrenherstellung. Die handwerkliche Uhrenfertigung im Hause Louis Audemars konn­­te mit der ma­schi­nel­­len Produktion nicht konkurrieren. Dies brachte der Firma er­heb­li­­che wirt­schaft­li­­che Probleme. Die von dem Firmengründer über­nom­me­­ne Fir­men­phi­lo­so­phie, keine Massenware, son­­dern nur Ein­zel­stüc­­ke  höchster Per­fek­ti­­on zu produzieren, machte die Uhren von Au­de­mars gegenüber denen anderer Anbieter zu teuer. Zahl­rei­­che teu­­re komplizierte Uh­ren la­­gen deshalb bei Audemars unverkäuflich im Lager. Per­sön­li­­che Aus­ein­an­der­set­zun­­gen der Fa­mi­lien­mit­glie­­der und ständige Strei­tig­kei­­ten über die Firmenpolitik erschwerten die Zusammenarbeit in dem Un­ter­neh­men. Seit dem Jahr 1883  waren das Eigenkapital und bis 1885 auch die aufgenommenen Kredite auf­ge­­braucht, die im letzten Jahr dazu noch zur Rückzahlung fällig gestellt waren und nicht bezahlt wer­den konnten.  Die Partner sa­­hen deshalb keine andere Möglichkeit mehr, als Antrag auf Er­öff­­nung des Konkursverfahrens zu stellen. Die Kon­kurs­er­öff­­nung erfolgte am 27. Juni 1885 und führte damit nach 74 Jahren er­folg­rei­­cher Arbeit zur Auflösung des Hauses Louis Audemars.

 

Nach dem Zusammenbruch des Hauses Louis Audemars entschlossen sich die drei Söhne von Char­­les-Henri Audemars, des jüng­­sten Soh­­nes von Louis-Ben­ja­­min Audemars, sowie dessen Enkel Louis-Ben­ja­­min Au­de­­mars-Va­let­te, dem Sohn des Eugène-François Au­de­­mars, die Tra­di­ti­­on des al­­ten Hauses Louis Audemars unter neuem Namen wei­ter­zu­füh­­ren. Hierzu gründeten noch im Jahr 1885 Charles-Henri´s Söh­ne Hector (geb. 29.4.1864) und sein Bruder Charles-Henri (geb.18.11.1887) die Fir­­ma "Audemars Frères", der älteste Sohn François (geb. 20.9.1853) die Firma "F. Audemars Fils" und der Sohn von Eugène Audemars (7. Sohn von L.-B. Au­de­mars), Louis Au­de­­mars-Valette (geb. 19.4.1850), die Firma "Louis Audemars" (suc­ces­seur "officiel" de Louis Audemars). Im Juni 1885 wurden alle Kredite zur Zahlung fällig und das Haus Louis Audemars wurde zahlungsunfähig.

 

Bei der Liquidation des "Ancienne Maison Louis Audemars" wur­­den die vorhandenen ver­kaufs­fer­ti­­gen Uhren, die Rohwerke, Werk­tei­le, das Ma­te­­rial sowie die Werkzeuge und Ma­schi­­nen un­­ter den drei neu­­en Firmen aufgeteilt. Hierbei erhielt die neue Firma Louis Audemars die mei­­sten Roh­wer­ke,  einen Großteil verkaufsfertiger Uh­­ren sowie zahlreiche vor 1885 von renommierten Werkherstellern zu­ge­kauften Rohwerke.

 

Die Firma François Audemars Fils des  ältesten Sohnes Fran­çois pro­du­zier­­te nur we­ni­­ge Wer­­ke und fertige Uhren. Überwiegend handelte es sich hierbei um Uh­­ren von hoher Qua­lität, zum Teil mit äußerst anspruchsvollen Komplikationen, de­­ren Rohwerke von ausgewählten   Werkherstellern zugekauft wur­­den. Das Unternehmen wurde wegen wirt­schaft­li­cher Schwie­rig­kei­­ten schon im Jahr 1898 liquidiert. Fran­çois Au­de­­mars ging an­schlie­­ßend nach Genf und arbeitete dort als Uhr­ma­­cher. Einige Jahre später gründete er in Genf-Eaux-Vives eine neue Firma mit dem Firmennamen "F. Au­de­mars fils, fabrication" zur Herstellung von Uhren und Uh­ren­tei­len. Diese neue Firma wurde am 31.10.1911 amtlich registriert. Das Unternehmen war bedeutungslos und ist im Jahr 1925 oder 1926 liquidiert worden. Uhren dieses Genfer Unternehmens sind nicht bekannt.

 

Die Brüder von François Audemars, Hector (geb. 1864) und Char­­les-Henri (geb. 1867) waren erst 21 bzw. 18 Jah­­re alt, als sie mit Un­ter­stüt­­zung ihres Vaters Charles-Henri Au­de­­mars (1828-1906) in den leer ste­hen­­den Werkstätten des alten Hauses Louis Audemars die Firma Audemars Frères grün­de­­ten.

 

Das dritte Nachfolgeunternehmen, die Firma Louis Audemars, wur­­de von Louis-Ben­ja­­min Au­de­­mars-Valette, dem Sohn von Eu­gè­ne-François Audemars (7. Sohn von Louis-Benjamin Au­de­mars) ge­grün­­det. Das Unternehmen ließ sich in der alten Werk­­statt von 1805 in Crêt-Meylan nie­­der.

 

Die neu gegründeten Firmen Audemars Frères und Louis Au­de­­mars ver­kauf­­ten in den näch­­sten Jah­­ren zunächst die vom alten Haus Louis Audemars übernommenen fer­tig­en Uhren, finissierten die über­nom­me­­nen Rohwerke und ver­kauf­­ten diese an Fremd­fir­­men oder ter­mi­nier­ten sie selbst und verkauften sie dann un­­ter eigenem Na­­men. Die Uh­­ren mit den vor dem Jahr 1885 fer­tig­ge­stell­­ten Roh­wer­ken sind von ho­her Qua­li­­tät. Teil­wei­­se fer­tig­­ten die­­se beiden Fir­­men auf der Ba­­sis alter Roh­wer­ke auch komplizierte Uh­­ren an. Auf­­grund dieser qualitativ hoch­wer­ti­­gen Uh­­ren behielten die neuen Fir­­men Louis Au­de­­mars und Au­de­­mars Frères bis ins 20. Jahr­hun­dert hinein einen sehr guten Ruf. Sie profitierten somit von dem be­rühm­­ten Na­­men des alten Hauses, wes­­halb sie grund­sätzlich ihre Uhren mit dem Na­­men „Louis Au­de­­mars“ sig­nier­ten und auf dem Staubdeckel auf die Grün­­dung des Hauses Louis Audemars im Jahr 1811 so­­wie auf die zahl­rei­­chen Medaillen und Eh­run­­gen hin­wie­­sen.

 

Aufgrund wirtschaftlicher Schwie­rig­kei­ten liquidierte Louis Au­de­­mars-Valette im Jahr 1898/99 sein Nach­fol­geun­ter­neh­men Louis Audemars.

 

Das Nachfolgeunternehmen Audemars Frères hatte durch den Ver­­kauf preiswerter Uh­­ren bis zu dem Zeit­­punkt wirt­schaft­li­­chen Erfolg, an dem ein russischer Importeur ei­­ne Rechnung über 150.000,- Schweizer Franken nicht bezahlen konnte. Hierdurch wur­­de das Unternehmen zahlungsunfähig und musste im Jahr 1909 li­qui­die­­ren.

 

Der im Jahr 1876 geborene Louis Audemars, Sohn des Louis-Ben­ja­­min Audemars-Va­let­te, ging um 1895 nach London, wo er zu­­nächst als Uhrmacher arbeitete. Nach der Liquidation der Nach­fol­gefirma Louis Audemars in der Schweiz durch seinen Va­­ter Louis-Benjamin Audemars-Va­let­te grün­de­­te er in London das Uhrenhaus „Louis Au­de­­mars & Co. Ltd“.

 

Im 2. Weltkrieg wurde um 1942/1943 (das genaue Datum ist nicht bekannt) das Firmengebäude der Nachfolgefirma Louis Audemars & Co Ltd. in Lon­­don bei einem Bom­ben­an­­griff völ­­lig zerstört. Dabei wur­­de das gesamte Fir­menar­chiv der „Ancienne Maison Audemars“ mit wertvollen al­­ten Bü­­chern und Do­ku­men­­ten der Fir­men­ge­schich­te, die Medaillen und Preise, die Ver­kaufs­bü­cher sowie wertvolle Uh­­ren vernichtet.

 

Louis Au­de­­mars starb am 28.2.1956. Sein Sohn Mar­cel Ernest war ab etwa 1960 auf­­grund eines Herz­lei­den ge­sund­heit­­lich nicht mehr in der Lage, das Fa­mi­li­en­un­ter­neh­­men  er­folg­­reich zu führen oder einem qua­li­fi­zier­­ten Nach­fol­­ger zu über­ge­­ben. In den letzten Jahren seines Le­bens ver­kauf­­te er nur noch Uh­­ren an re­no­mmier­te Ge­schäf­­te in Lon­­don wie Harrods, Map­pin & Webb oder Garrad. Teilweise ver­kauf­­te er auch aus Schweizer Produktion stam­men­­de Uhren un­­ter dem Namen „Au­de­mars“, über­wie­­gend jedoch Uh­­ren von Schweizer No­bel­mar­ken unter deren eigenem Namen. Un­­ter anderem war er UK-Agent der Firma Bo­rel Fils Cie. aus Neuchâtel. Im Februar 1968 starb Marcel Er­nest Audemars und mit ihm das Fa­mi­li­en­un­ter­neh­­men. Da­­mit en­de­­te nach 157 Jahren die Geschichte ei­­ner der be­rühm­te­­sten Uhrenmanufakturen der Schweiz.

 

Von Louis-Benjamin Audemars-Valette existiert eine hand­schrift­li­che Aufstellung die die auf den Welt­aus­stel­lun­gen zwischen 1851 und 1879 an das Haus Louis Audemars ver­lie­he­nen Preise und Auszeichnungen ausweist:

 

1.     Medaille erster Klasse in London 1851

2.     Bronzemedaille in New York 1853

3./4. Ehrenmedaille erster Klasse der Académie Nationale de France 1856 und 1863

5.     Medaille erster Klasse in Paris 1855

6.     Ehrenmedaille erster Klasse in London 1862

7.     Medaille für den Fortschritt in Wien 1873

8.     Allerhöchste Anerkennung von S. M. dem Kaiser von Österreich  nach der

        Ausstellung in Wien 1873

9.     Medaille für den Fortschritt in Philadelphia 1876

10.   Goldmedaille in Paris 1878

11.   Verdienstkreuz der Ehrenlegion (Légion d´Honneur) in Paris 1878

12.   Ehrenmedaille in Sydney 1879

13.   Urkunde der Uhrmacherei von S. A. I. dem Großherzog und  Erben von Russ­­land

14.   Urkunde der Uhrmacherei von S. M. dem  Kaiser von Russland

 

 

L. Corbaz & Co. in Lausanne berichtete im Jahr 1873: „Das Haus Louis Audemars verfügte damit über alles, von dem Ent­­wurf eines Kalibers und den Konstruktionszeichnungen, nach denen sie gebaut wurden bis zur letzten Politur des Ge­häu­­ses und der letzten Einstellung (réglage définitif) des Uhr­­werks. Alle Uhren, die das Haus Louis Audemars dem Handel lieferte, wa­­ren in den eigenen Werkstätten oder von eigens aus­ge­bil­de­­ten Heimarbeitern unter seiner Aufsicht und Führung hergestellt wor­­den. Es fällt nicht schwer zu verstehen, dass diese, in der Uh­ren­in­du­­strie einmalige Organisation, optimale Resultate er­ziel­­te. In der Manufaktur wurden alle notwendigen Werkzeuge, die der Prä­zi­si­­on und der Funktion nützlich waren, sowie alle Ma­schi­­nen zur Herstellung von Trieben, Rädern, Achsen und Kadraturen und Hemmungsteilen selbst entwickelt und gebaut. Ma­schi­­nen, die nur für eine bestimmte Art von Uhren geeignet waren und die den Uhrmacher zur Maschine machen, wurden vom Haus Louis Audemars nicht ver­wen­­det. Auch seine Nachfolger sind der Meinung, dass die örtlichen Ma­nu­fak­tu­­ren nur durch die qualifizierte Ausbildung von Uhr­ma­­chern in der Herstellung aller für eine Uhr erforderlichen Tei­­le vor dem Verfall bewahrt werden können.“

 

 

In dem von Audemars veröffentlichten „Historischen Bericht über das Hau­­s Louis Audemars“ aus dem Jahr 1873 werden einige der wich­tig­­sten Erfindungen und technischen Neuerungen das Hauses Louis Audemars bis zum Jahr 1873 wie folgt beschrieben:

 

 

„Unabhängig von der bedeutenden Perfektion, die für die Fertigung von Uhren aller Art wichtig waren, ist das Haus Louis Audemars Erfinder von folgenden Besonderheiten:

 

1.   Moderner Aufzug (remontoir) und die Einstellungsfunktion über Pendant (mise à l´heure au pendant). Das erste Stück, das die­­ses System besaß, wurde en blanc gefertigt und am 25. März 1838 ausgeliefert. Seither wurden verschiedene technische Neu­hei­­ten eingeführt: Eine Uhr, mit einem Aufzugsmechanismus, der im Allgemeinen nach dem heutigen System konstruiert war, aus­ge­­stellt in der Vitrine von Louis Audemars auf der Welt­aus­stel­­lung von London 1851.

 

Das erste Stück mit zwei Federhäusern und Aufzug über Pendant (à deux barillets se remontant au pendant) en blanc gefertigt und hergestellt vom Haus Louis Audemars, wurde am 13. September 1849 fertiggestellt. Eine Uhr mit Weckfunktion (grande sonnerie en passant) mit demselben Aufzugssystem wurde ebenfalls in der Vitrine auf der Weltausstellung in London 1851 ausgestellt.

 

2.    Aufzug (remontoir) und Einstellungsfunktion über Pendant (mi­se à l´ heure au pendant) für Chronometer mit Schnecke (fusée), die sich selbstständig vom Aufzug trennt, sobald die Feder ganz aufgezogen ist. Dieses System ist aus dem Jahr 1860.

 

3.     Uhren mit drei Federhäusern, aufgezogen über Pendant (trois barillets se remontant au pendant). Das erste Stück dieser Art wurde 1867 hergestellt. Die Uhr ex­tra ­com­pli­quée mit der Nummer 10.834, die auf der Weltausstellung in Wien ausgestellt wurde, besitzt dieses Aufzugssystem.

4.     Ewiger Kalender (quantième perpétuel) ohne rückläufige Zei­­ger (aiguilles rétrogrades). Dieses System ist anderen vor­zu­zie­­hen, weil es sicherer und weniger teuer ist, und weil man auf den er­­sten Blick erkennt, in welchem Jahr der Schaltjahrperiode man sich befindet. Ein wichtiger Vorteil dieses Mechanismus ist, dass er vom Be­sit­­zer der Uhr angehalten werden und er mit Leichtigkeit oh­­ne die Hilfe eines Uhrmachers den Quantième an seinen Platz zu­rück­dre­­hen kann. Diese Erfindung ist aus dem Jahr 1860.  

 

5.    Uhr mit Zeitzonenwahl (à longitudes) oder Uhr de voyage. Mit dieser Uhr kann der Reisende die Zeit des Ortes der Abreise ab­le­­sen und gleichzeitig die Zeit des Ortes, zu dem er sich bewegt. Dieses neue System, das für komplizierte Uhren an­ge­­wandt wurde, ist in der Vitrine des Hauses Louis Audemars auf der Weltausstellung in Wien zu sehen.“

 

 

Das Haus Louis Audemars hat seit der Gründung im Jahr 1811 bis zur Li­qui­da­ti­­on im Jahr 1885 circa 16.000 Blancs, Ébauche sowie fertige Uhren in der eigenen Werk­­statt her­ge­­stellt.

 

Die An­­zahl der von der Nachfolgefirma Louis Audemars ab dem Jahr 1885 bis zur Aufgabe der Uh­ren­pro­duk­tion fer­tig­ge­stell­­ten und/oder ver­kauf­­ten Uhren fest­zu­stel­len ist nicht möglich.

 

Soweit die Wer­­ke und/oder Ge­häu­­se von Audemars si­­gniert bzw. ge­punzt wur­­den, ist der Her­stel­lungs­nach­weis leicht zu füh­­ren. Lei­­der sind diese eindeu­­tig auf Audemars hin­wei­sen­­den Werke und Uh­­ren re­la­­tiv selten. Die über­wie­gen­­de Anzahl der bis ca. 1850 in seinen Werk­stät­­ten her­ge­stell­­ten Blancs und Ébauche sind  nach Genf, den um­lie­gen­­den Uh­ren­zen­­tren sowie nach Pa­­ris und London verkauft und von dortigen Et­ablis­seu­ren terminiert und häu­­fig mit de­­ren Namen signiert und  ver­­kauft wor­­den. Die­­se Blancs und Ébauche sind nur selten auch von Au­de­­mars sig­­niert oder gepunzt worden und wenn doch,  dann meist ver­­steckt unter dem Zif­fer­­blatt einer Plati­ne, Brüc­­ke oder einem Kloben. Zahl­rei­­che kom­p